NEUERSCHEINUNG

Adam-Philipp-Schleich-Orgel Gaibach
Adam-Philipp-Schleich-Orgel Gaibach

Einspielung der unbekannten Orgeltabulatur der Kirchenbibliothek Neustadt an der Aisch aus der
1. Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Mit Werken von Johann Erasmus Kindermann, Christian Michael und neu entdeckten Werken des Nürnberger Sebaldusorganisten Valentin Dretzel.

Enthält überwiegend Ersteinspielungen.

Die Orgel der Kreuz-Kapelle in Gaibach wurde von Adam Philipp Schleich im Jahre 1699 erbaut und verfügt über einen außergewöhnlich kompletten Erhaltungszustand.

 

 

 

Nominiert für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik”

 

Rezension aus „Ars Organi” 2/2016:

Süddeutsche Orgelmusik des Frühbarock ist weit weniger en vogue als die bekannten Orgelwerke von H. Scheidemann, H., J. und M. Praetorius oder S. Scheidt, deshalb gilt es, weithin unbekannte Schätze zu entdecken. Zu diesen gehört zweifellos die hier von dem Organisten, Kammermusiker und Musikwissenschaftler Harald Wießner vorgelegte Einspielung der von ihm im Verlag Alfred Coppenrath 1996 noch ohne Benennung der Komponisten herausgegebenen Neustädter Orgeltabulatur mit Werken der Nürnberger Meister Valentin Dretzel (1578 ̶ 1658) und Johann Erasmus Kindermann (1616 ̶ 1655) und des Leipzigers Christian Michael (um 1593 ̶ 1637). Die in der weitgehend original erhaltenen Kirchenbibliothek von Neustadt an der Aisch aufbewahrten Werke sind in ihrer Qualität jenen der Zellefelder Tabulatur zwar nicht an Umfang, aber an musikalischer Intensität und kompositorischer Faktur durchaus vergleichbar. Mit der kleinen sechsregistrigen (4 Principalstimmen auf 4‘ Basis und Flötenstimmen 8‘ und 4‘) großenteil originalen Kleinorgel des Bamberger Meisters Adam Philipp Schleich (1660 ̶1719) von 1699 hat der Interpret ein ideales Instrument gefunden, das den kleinen Kapellraum mit berückender Klangfülle und Klangvielfalt ausfüllt. Beeindruckend, mit welcher abwechslungsreichen und dem musikalischen Ausdruck der Stücke ideal angepassten Registrierung und Spielweise Wießner diese kompositorischen Miniaturen zum Erblühen bringt. Die beiden ausdrucksvollen Partiten Dretzels sind ebenso einfallsreich und ansprechend wie die zauberhaften Couranten, Praeludien und Toccaten des mit Heinrich Schütz gut bekannten gebürtigen Dresdners Christian Michel und finden in den kompositorisch interessanten Stücken Kindermanns ihre Entsprechung, etwa der dreifachen Fuge über „Christ lag in todes banden“, „Christus der uns selig macht“ und „Da Jesus an dem Creutze stundt“. Das ist schöne Musik, mit Kunst und Leidenschaft interpretiert. Das sorgfältig gestaltete, informative Booklet (mit einer Kurzeinführung in die Geheimnisse der Tabulatur-Notation) tut ein Übriges, diese Aufnahme zu einer wirklichen Trouvaille zu machen.

Prof. Dr. Gerhard Aumüller, Marburg

(Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

 

Rezension aus „FONO FORUM” 10/16

Die Neustädter Orgeltabulatur, entstanden um die Mitte des 17. Jahrhunderts, ist eine Sammlung, wie ein professioneller Tastenspieler – also meist ein Organist – sie brauchte: Präludien und Toccaten in verschiedenen Tonarten, Tanzsätze, einzelne Choralbearbeitungen. Eine Auswahl mit Werken von Johann Erasmus Kindermann, Christian Michael und Valentin Dretzel hat Harald Wießner an der Schleich-Orgel der Heilig-Kreuz-Kapelle zu Gaibach eingespielt, einem erstaunlich gut erhaltenen, vorbildlich restaurierten Instrument von 1699. Mit ihrem stabilen, hellglänzenden Plenum, den berückend schönen Einzelstimmen und perfekter Klangverschmelzung passt die kleine 4’-Orgel perfekt zur Musik der Neustädter Handschrift; Harald Wießner lässt sie dank sensibler Tempowahl und Artikulation in der schön eingefangenen Akustik wunderbar lebendig klingen.

Friedrich Sprondel

www.fonoforum.de

(Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion)

 

Rezension aus „FORUM KIRCHENMUSIK” 5/2016

Dem Organisten, Kammermusiker und Musikwissenschaftler Harald Wießner ist vor einigen Jahren in der weitgehend original erhaltenen Kirchenbibliothek von Neustadt an der Aisch die Entdeckung eines umfangreichen Sammelbandes mit Drucken (darunter bislang unbekannte Erstdruck-Exemplare) und Handschriften verschiedener Orgeltabulaturen  gelungen, die in ihrer Qualität jenen der Zellerfelder Tabulatur zwar nicht an Umfang, aber an kompositorischer Finesse und  musikalischer Intensität durchaus vergleichbar sind und die er hier in einer sehr schönen Einspielung an einer historischen Orgel in Unterfranken vorlegt.
Bei der von ihm besorgten Ausgabe mit Werken des Nürnberger Meisters Johann Erasmus Kindermann (1616 ̶ 1655) und des Leipzigers Christian Michael (um 1593 ̶ 1637) konnten die zunächst anonymen handschriftlich überlieferten Stücke durch den Vergleich mit einer Turiner Tabulatur dem Nürnberger Sebald-Organisten Valentin Dretzel (1578 ̶ 1658) zugeschrieben werden, der dem Kreis um Hans Leo Hassler und seinen Brüdern und Johann Staden zugerechnet wird. Die Qualität seiner hier erstmals eingespielten Werke hält den Vergleich mit denen Hasslers und Stadens ohne weiteres aus und zeigt ihn als versierten Komponisten und virtuosen Organisten.
Zusammen  mit den ebenfalls nur in wenigen Quellen überlieferten Werken von Christian Michael, einem Sohn des Dresdener Hofkapellmeisters und Schütz-Vorgängers Rogier Michael und Bruders des Leipziger Thomaskantors Tobias Michael, stellen die recht kurzen, aber fein gearbeiteten Stücke eine wirkliche Bereicherung des Orgelrepertoires des 17. Jahrhunderts dar. Mit der kleinen sechsregistrigen (4 Principalstimmen auf 4‘-Basis und Flötenstimmen 8‘ und 4‘), großenteil originalen Kleinorgel des Bamberger Meisters Adam Philipp Schleich (1660  ̶ 1719) von 1699, in der er Teile eines wesentlich älteren Werks des fränkischen Meisters Linhard Schonat/Schannat verwendete, hat der Interpret ein ideales Instrument gefunden, das den kleinen Kapellraum mit berückender Klangfülle und Klangvielfalt ausfüllt.
Details der Baugeschichte und der Biographie der Komponisten erfährt man in dem sorgfältig gestalteten, informativen Booklet (mit einer Kurzeinführung in die Geheimnisse der Tabulatur-Notation), das ein Übriges tut, um diese Aufnahme zu einer wirklichen Entdeckung zu machen. Beeindruckend, mit welcher abwechslungsreichen und dem musikalischen Ausdruck der Stücke ideal angepassten Registrierung und Spielweise Wießner diese kompositorischen Miniaturen zum Erblühen bringt.
Die beiden ausdrucksvollen Partiten Dretzels sind ebenso einfallsreich und ansprechend wie die zauberhaften Couranten, Praeludien und Toccaten Christian Michaels und finden in den kompositorisch interessanten Stücken Kindermanns ihre Entsprechung, etwa der dreifachen Fuge über „Christ lag in todes banden“, „Christus der uns selig macht“ und „Da Jesus an dem Creutze stundt“.
Dass ausgefeilte cantus firmus -Sätze und raffinierte Echo-Kompositionen nicht nur in der norddeutschen Orgelmusik möglich waren, sondern es auch im süddeutschen Raum zu einer eigenständigen Form gebracht haben, zeigt unter anderem das Magnificat im 8. Ton von Kindermann, dessen Gloria in einer strahlenden Tutti-Registrierung erklingt. Die Aufnahme regt unbedingt an, diese schöne Musik im Gottesdienst und in Konzerten bekannter zu machen.

                                                                                                              Gerhard Aumüller, Marburg

(Artikel erschienen in FORUM KIRCHENMUSIK 5/16, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der STRUBE VERLAG GmbH, Muenchen)

 

Rezension auf dem „Portal der Königin”

www.orgelinformation.de

 

Die Erkenntnis, dass ein Capricio aus der Neustädter Orgeltabulatur, die der Schneverdinger Organist Harald Wießner bereits 1994 und 1996 teilweise herausgegeben hatte, mit einer Turiner Quelle übereinstimmt, wo sie mit Valentin Dretzel (1578 – 1658) gezeichnet ist, hat ihn wohl nun zu einer Einspielung veranlasst, die zudem auf der Adam-Philipp-Schleich-Orgel der Heilig-Kreuz-Kapelle in Gaibach/Main (1699/1702, I/ 7, kurze Oktave) erfolgen konnte.
Vermutlich sind wegen dieser Konvergenz der beiden Quellen auch die Praeludien, Toccaten und Partitensätze, die in diesem Teil des anonymen Manuscriptes stehen, dem Nürnberger Lorenz- und späteren  Sebald-organisten zuzuordnen. Der hatte zu seiner Zeit in Lorenz (1618 -1634) zwei mittelgroße Renaissance-Orgeln (Südwand vor 1544 II/14 und Nordwand 1498, II/15) und in St. Sebald (1634 – 1658) die sicherlich umgebaute Traxdorf-Orgel (1440, Blockwerk) zur Verfügung. Als Spieler und als „Director musices“ – beim Nürnberger Friedensfest 1649 leitete er den zweiten der vier Chöre – war er sehr geschätzt, doch sind von ihm nur einige wenige Stücke für Klavier überliefert, außer dem Capricio ein Introitus und zwei Sonaten. Dretzel war begehrt bei „Erbaren Hochzeiten“, so mögen also die Zuschreibungen aus der Neustädter Tabulatur, i.e. Allemanden, Ballete, Couranten, Branles, einen kleinen Einblick geben in die Nürnberger (Hochzeits-)Musikpraxis in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Aus der Tabulatur sind auf der CD ferner Stücke von Christian Michael (c 1593 – 1637), zweiter Sohn des Ansbacher Tenoristen und späteren Dresdener Hofkapellmeisters Rogier Michael, Organist der Nikolai- und der Paulinerkirche in Leipzig, und von dem Nürnberger Egidienorganisten Johann Erasmus Kindermann (1616 – 1655) aus seiner „Harmonia organica“ (Nürnberg 1645) eingespielt.
Dem Instrument in der Gaibacher Kapelle kommt bei dieser Einspielung eine besondere orgelgeschichtliche Bedeutung zu, ist es doch nach einem Manderscheidt-Positiv im Orgelmuseum Ostheim höchstwahrscheinlich das zweitälteste Instrument Unterfrankens, zudem wenig gespielt und deswegen gut erhalten, zuletzt 1990 vorbildlich von Vleugels restauriert. Im sonst vorzüglichen Booklet, das auch eine kurze Einführung in die Notation der „Neuen deutschen Orgeltabulatur“ bringt, fehlen nur die Angaben zu Winddruck (76 mm WS), Stimmtonhöhe (479,8 Hz bei 180C) und der Temperatur, die einer unregelmäßigen Einstimmung, wie sie in Italien in der Zeit üblich war, ähnelt.
Dass Harald Wießner „seiner“ Neustädter Orgeltabulatur ein gewissenhafter wie begeisterter Interpret ist, versteht sich von selbst. Dem Notentext fügt er nur wenige gekonnte Verzierungen hinzu, bei Wiederholungen variiert er gefällig die Registrierung, lediglich der Registrierung mit Gedackt 8‘ und Quinte 1 1/3‘ ist wohl wenig historische Wahrscheinlichkeit zu bescheinigen.
Die CD gibt einen hochinteressanten Einblick in die Klangwelt mitten im Dreißigjährigen Krieg, der gerade in Süddeutschland heftig wütete und auch in Nürnberg fürchterliche Folgen hatte. Umso mehr freut es einen, wie in Nürnberg ein wenig heile Welt in einer bedrängten Zeit bewahrt wurde.
Außerdem kommt die CD gerade recht zum 400. Geburtstag von Kindermann, doch schon allein der Gewinn von Kompositionen von Christian Michael und Valentin Dretzel ist bereichernd.

Rainer Goede – für www.orgel-information.de
Oktober 2016