Titelseite Lüneburger Tabulaturen

Die Ratsbücherei Lüneburg besitzt eine einzigartige Sammlung von 20 Musikhandschriften in der Notationsform der „Neuen deutschen Orgeltabulatur”, einer Buchstabennotation. Die hauptsächlich zwischen 1630 und 1670 entstandenen Handschriften überliefern vornehmlich Werke norddeutscher Organisten, davon viele als Unikate und gelten als der bedeutsamste Quellenkomplex des 17. Jahrhunderts aus dem norddeutschen Raum für Musik für Tasteninstrumente.

Obwohl die Tabulaturen seit Jahrzehnten Gegenstand musikwissenschaftlicher Forschungen sind, enthalten sie zahlreiche Stücke, die noch nie veröffentlicht wurden. Diese Einspielung soll einen repräsentativen Querschnitt der Handschriften bieten und legt dabei einen Schwerpunkt auf bislang nicht veröffentlichte Werke. Die meisten der aufgenommenen Werke sind damit Weltersteinspielungen.

Einer der Hauptschreiber der Tabulaturen, Heinrich Baltzer Wedemann (1646–1718), wirkte 39 Jahre als Organist an der Kirche des St. Nikolaihofs in Bardowick bei Lüneburg. Die Orgel der Kirche wurde im Jahr 1445 aus der Lüneburger Johanniskirche angekauft und enthält bis heute zahlreiche Pfeifen aus der Zeit der späten Gotik und der Zeit um 1600. Das Instrument wurde 2013 restauriert und erneuert. Mit seinem historischen Bestand und den stilistisch passenden Ergänzungen der vormals vorhandenen Register gibt es uns einen Klangeindruck, wie ihn auch Wedemann bei seinem Spiel gehabt haben mag. Mit dem gotischen Prospektprinzipal weist es klanglich auf eine noch frühere Zeit hin.

Durch intensive Archivstudien wurde versucht, die Geschichte der Orgel nachzuvollziehen. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse wird im 80-seitigen Booklet der CD erstmals vorgelegt. Neben einer kurzen Darstellung Lüneburgs als Orgelstadt werden die Tabulaturen in einen historischen, musikalischen und liturgischen Kontext eingeordnet, die bis heute bekannten Schreiber mit den wenigen verfügbaren Daten vorgestellt und eine kurze oder längere Beschreibung der eingespielten Stücke vorgenommen. Eine Einführung in das System der Tabulaturnotierung sowie die Auflistung der gewählten Registrierungen ergänzen das Booklet.

Deutscher Text (80 Seiten)

P + C 2018 Sphairos Audio

Best.-Nr. sph 01 002

EAN: 4251230700024

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Tracklisting

1 Toccata d – Matthias Weckmann (1619 – 1674)
2 Allemande / Variation – Anonymus
3 In dulci jubilo – Anonymus
4 Englisch Mascherad – Heinrich Scheidemann (um 1596-1663)
5 Englische Nachtigall – Anonymus
6 Vox Hamburger Trommet / Proportio – Anonymus
7 Saraband (mit 7 Variationen) – Anonymus
8 Praeludium – Anonymus
9 Praeludium g – Franz Tunder (1614-1667)
10 Vater unser im Himmelreich – Anonymus
11 More palatino – Anonymus
12 Galliarda – John Dowland (1563-1626)
13 Englisch Mascharada – Anonymus
14 Jesus Christus, wahr‘ Gottes Sohn – Franz Tunder
15 Jesus Christus unser Heylandt – Anonymus
16 Christ lag in Todesbanden – Anonymus
17 Christ lag in Todesbanden – Anonymus
18 Vater unser im Himmelreich – Anonymus
19 Jesu, du wollest uns weisen – Heinrich Scheidemann
20 Praeambulum – Anonymus
21 Praeambulum – Heinrich Scheidemann
22 Veni Sancti Spiritus – Jacob Handl (1550-1591)
23 Exurge gloria mea – Jacob Handl
Gesamtspielzeit 58:50

 

Rezension auf dem „Portal der Königin”

Selten kommt eine CD auf den Markt, die von solcher Gewichtigkeit ist wie die vorliegende. Harald Wießner hat sich aufs Neue mit den Lüneburger Orgeltabulaturen aus dem 17. Jahrhundert  beschäftigt, deren reiche anonyme Schätze u.a. noch immer nicht vollständig neu ediert sind. In 23 Tracks bringt er Toccaten, Tanzsätze, Choräle, Praeludien und Motetten-Intavolierungen in bunter Reihenfolge, geordnet nur nach den Folianten, in denen sie sich verbergen. Eingespielt hat er sie auf der nagelneuen Schuke-Orgel (2013, I/9) des Nikolaikirchhofs in Bardowick – mit dem wohl ältesten Pfeifenbestand, der in Niedersachsen zu finden ist. Vier der neun Register dieser Orgel (Manual: CDE-c‘‘‘, Pedal: CDE-d‘, 65 mm WS, mitteltönig gestimmt) stammen wohl aus der Orgel, die Hinrik Lange (~1395 – 1467), Sodmeister der Saline, Lüneburger Bürgermeister und Provisor des Nikolaistiftes, Held des Prälatenkrieges, 1445 aus der Johanniskirche für die 1310 gebaute und von ihm 1434 vergrößerte Kapelle ankaufte. Der bemalte Principal, Oktave, Gedackt und Rohrflöte stammen wohl aus dieser Zeit oder sind noch älter, einzigartige Zeugnisse der hohen hanseatischen Orgelkultur in deren Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert.

Harald Wießner hat aber nicht nur ausgewählte Stücke aus den Tabulaturen umgeschrieben und lebendig und reizvoll eingespielt, nein, er hat ganze Arbeit geleistet mit dem nicht weniger als 80 Seiten umfassenden, zudem gut bebilderten Booklet. In zwölf Abschnitten beschreibt er das wertvolle Erbe und bindet es ein in die Musikgeschichte: Praefatio, Orgelstadt Lüneburg, Das Hospital St. Nikolaihof und seine Orgel, Der historische Bestand der Orgel, Die Lüneburger Ratsbücherei, Die Lüneburger Tabulaturen, Die liturgische Musik, Die weltliche Musik, Die Schreiber der Tabulaturen (1. Franz Schaumkell, 2. Heinrich Baltzer Wedemann, 3. Joachim Dralle, 4. Franciscus Witzendorff, 5. Matthias Weckmann und 6. Johann Kortkamp), Die eingespielten Werke (aus 1. KN 147, 2. KN 148, 3. KN 207/15, 4. KN 207/16, 5. KN 146, 6. KN 209, 7. KN 208/1 und 8. KN 210), Das Notationssystem der deutschen Orgeltabulatur und schließlich die Disposition und Registrierungen.
Keine Information fehlt, trotz der Fülle liest sich der Text flüssig und bündig, geradezu spannend, wenn es um die historischen Hintergründe geht. Harald Wießner ist hier das Paradebeispiel eines Booklets gelungen, wie es bei erstklassigen CD-Einspielungen heute geliefert werden sollte.

Lediglich die Technik muss vor der Wirklichkeit des Klanges im Nikolaikirchhof zurückstehen, Physik ist nun mal nicht transferierbar trotz bester Aufnahmetechnik wie hier, nur täuschend echt einzufangen, Gott sei Dank! Gott sei Dank kann man ja aber dorthin fahren, in diese  frisch restaurierte gotische Kapelle am Rande der Salzstadt Lüneburg, dort hören und staunen – und nachvollziehen, was der Rechnungsführer, Küster und Organist des Nikolaikirchhofs im 17. Jahrhundert Heinrich Baltzer Wedemann da alles aus seinen Tabulaturen spielte.

Rainer Goede – für www.orgel-information.de
November 2018 / Januar 2019

Rezension in „Musik & Kirche” 2/2019

Die Lüneburger Orgeltabulaturen. Orgel des St. Nikolaihofs Bardowick. Harald Wießner. Sphairos Audio 01 002

Erstaunlicherweise gibt es bei aller sorgfältigen Erfassung historischer Orgeln im norddeutschen Raum doch gelegentlich überraschende Entdeckungen wie die hier vorzustellende, kürzlich eindrucksvoll restaurierte Orgel in einem früheren Siechenhof bei Bardowick, deren Geschichte sich bis 1445 zurückverfolgen lässt. Sie enthält in den Registern Praestant 4‘, Gedackt 8‘ und Rohrflöte 4‘ einen erheblichen Bestand an vermutlich noch aus dem 16. Jahrhundert stammenden Pfeifen.

Die GeschGrafik Musik & Kircheichte dieser Orgel im Kontext der eindrucksvollen Orgelgeschichte Lüneburgs wird in dem ausführlichen und facettenreichen Booklet von dem in Schneverdingen in der Lüneburger Heide lebenden Konzertorganisten, Organologen und Musikwissenschaftler Harald Wießner detailliert beschrieben. Die von ihm eingespielten Stücke entstammen der berühmten Tabulaturensammlung der Lüneburger Ratsbibliothek, deren Entstehungsgeschichte und wichtigsten Schreiber (u. a. Franz Schaumkell, Heinrich Baltzer Wedemann, Jacob Kortkamp und Matthias Weckman) ebenfalls vorgestellt werden. Es sind neben bekannteren Werken der Nordde

utschen Matthias Weckman, Heinrich Scheidemann, Jakob Kortkamp und Franz Tunder sowie des böhmischen Komponisten Jacob Handl vorwiegend von Anonymi verfasste Stücke, deren manchmal rustikale, meist aber virtuose und elegante Faktur Wießner stilsicher und hörenswert herausarbeitet. Ein Abschnitt im ausführlichen Booklet über die liturgische und weltliche Orgelmusik der Zeit erleichtert den Zugang zu diesen kleinen Pretiosen der Orgelkunst.

Die mit Raffinesse und Sensibilität registrierten und interpretierten, meist kurzen weltlichen und geistlichen Kompositionen entstammen den Tabulaturen KN 146–148, 207/15 und 16, 208/1 und 209 und werden im Einzelnen (unter Angabe der Registrierungen) besprochen. Sie legen die ganze Bandbreite des zeitgenössischen Repertoires norddeutscher Organisten dar. Erstaunlich und immer wieder überraschend ist die klangliche Vielfalt der kleinen, in der Scherer-Tradition (Christian Bockelmann) stehenden Orgel, die auf der Basis eines Gutachtens von Koos van de Linde von Schuke/Werder 2013 restauriert wurde und den kleinen Raum erstaunlich gut füllt. Sie umfasst 8 Manual- und ein 16‘-Pedalregister (C-c‘‘‘ bzw. CDE c‘‘; kurze gebrochene Oktave mit geteilten Obertasten D/Fis, E/Gis; mitteltönige Temperatur nach Praetorius, Stimmton a‘ = 465 Hz; Winddruck 65 mm WS. CD und Booklet sind sehr empfehlenswert.

Gerhard Aumüller